Ehrenamt: mehr als ein Hobby
Zeigt her eure Hobbys!

Ehrenamt: mehr als ein Hobby

Ehrenamt ist mehr als ein Hobby

In meiner Tätigkeit als Personalerin führe ich viele Gespräche mit jungen Leuten, die sich für eine Ausbildung bei uns interessieren. In vier verschiedenen Ausbildungsberufen legen mir die KandidatInnen regelmäßig ihre Ideen und Wünsche an die Arbeitswelt vor. Die eigenen oder auch nicht.

Eines jedoch haben viele der BewerberInnen gemeinsam, mit denen es dann tatsächlich zu einem Ausbildungsvertrag kommt. Die meisten von ihnen engagieren sich in ihrer Freizeit im Ehrenamt der ein- oder anderen guten Sache. Da ich in Bayern, dem Vorzeigeland für das Ehrenamt arbeite, sind die gängigsten hier die Feuerwehr, Kirche, Sportvereine oder das THW (Technisches Hilfswerk)

Zeig’ mir deine Hobbys und ich stell dich ein!

Die Rubrik Hobbys wird oft stiefmütterlich behandelt, manchmal wird sie sogar ganz weggelassen. Die Bewerber finden vielleicht keine Tätigkeit, die sie als Hobby bezeichnen würden, für nennenswert halten oder trennen Hobby von Beruf nach dem Motto, was ich in meiner Freizeit mache geht keinen was an.

Was die meisten jedoch dabei vergessen ist, dass wir neue Zeiten haben! Bei der Suche nach Arbeitskräften stehen nicht mehr nur Leistungsbereitschaft und die Zeugnisse im Vordergrund. Viel mehr wird nach Menschen mit Format gesucht, nach Menschen mit Interessen und Fertigkeiten, die universell einsetzbar sind und auf die man aufbauen kann.

 

Büroumgebung, Schreibtisch mit Laptop und Kopfhörern, im Vordergrund ein Notizbuch mit Füller
 

Du bringst nicht nur deine Arbeitskraft mit, sondern auch dich als Mensch!

Diesen Satz sagen ich häufig zur Überleitung zum – sagen wir mal – persönlichen Teil des Vorstellungsgesprächs. Zu diesem Zeitpunkt will ich hören, mit was für einem Menschen wir es zu tun haben. Der Satz ist natürlich, bis auf die Du-Form, die ich in ein freundliches aber deutsch-distanziertes Sie umformuliere, absolut ernst gemeint! Jetzt werfe ich einen erneuten Blick auf die Hobbys, die ich natürlich schon vorher studiert habe. Mir unbekannte Sportarten oder Betätigungen google ich mitunter sogar vorher mal kurz. Oder weißt du gleich auf anhieb, was man beim Kitesurfen genau macht? Außer, dass ich wieder etwas neues kennenlerne erzeuge ich auch gleich Sympathie beim Bewerber, wenn ich sein Hobby kenne.

Dieser Glanz!

Falls das Hobby nun wirklich noch aktuell sein sollte und auch noch betrieben wird, beginnt die Magie! Sofern ich es in der letzten halben Stunde geschafft habe, den Bewerber einigermaßen locker zu kriegen, erzählt er oder sie mir über das Hobby. Es ist schön zu sehen, wie jemand bei der Erzählung aufblüht, wie die Augen leuchten oder sogar ein kleines Lächeln die Anspannung für einen Moment verfliegen lässt. Für einen kurzen Augenblick befinden wir uns in der Komfortzone des Bewerbers. Dürfen einen Blick hinter die Fassaden der normierten Lebensläufe und auswendig gelernten Motivationsschreiben werfen.

Leben ohne Ehrenamt ist undenkbar!

Natürlich kann man auch in einer Tätigkeit jenseits des aktuelle Jobs und eines  Ehrenamts aufgehen, seine Erfolge erzielen, harte Ziele verfolgen. Nehmen wir nur das ebenfalls in Bayern sehr beliebte Fußball. Aber ich suche nicht unbedingt die Scharfkopf-Könige oder die Bierkistenstapler. Wer sich engagiert, sei es im Sportverein oder in einer Organisation, der übernimmt meisten Verantwortung. Oft gibt es Ämter zu vergeben, die selbst die U18-Jugend schon annehmen und meisterhaft erfüllen. In den Kirchengruppen werden ganze Ferienprogramme von Jugendlichen gewuppt! Eine fantastische Leistung! Auch die zahlreichen Übungsleiter in den Vereinen leisten einen wichtigen Beitrag, sodass sich jeder Sport leisten kann und eine hochwertige Betreuung gewährleistet ist. Oder die Dienste der Freiwilligen Feuerwehr. Ihre Präsenz und Arbeit ist Teil der Gesellschaft geworden, ohne ihr Ehrenamt ist ein sicheres Leben nicht denkbar.

Oben Aufschrift Pressewart, darunter junge Frau mit türkisen Haaren, Brille und schwarzem Polo, darunter der Name Jessica Reiner
 

Hintergrundsuche – what about you, Jessica?

Man muss sich vorstellen, dass dies alles ohne oder nur mit geringem Lohn bewerkstelligt wird. Freiwillig. Wie hoch muss eine Motivation sein, um ohne monetären Ausgleich solche Verantwortungen zu übernehmen!

Vielleicht kann ich dazu aus meinem eigenen Nähkästchen plaudern. Denn auch ich bin in Ehrenämtern tätig. Für eines davon bekomme ich zum Beispiel überhaupt keinen Lohn. Warum mache ich das?
(bei Interesse hier mehr zu mir)

Natürlich kann ich nicht für alle Vereine sprechen, ich bin aber in einem der zehn größten Vereine in Bayern aktiv. Als repräsentativ gilt das auf alle Fälle schon mal. Normal fängt man ja irgendwo im Verein in einem Teilbereich an. Mit der Zeit und bei regelmäßigem Erscheinen wird man unweigerlich Teil der Gruppe, was wunderbar ist, denn der Mensch ist ja bekanntlich ein Gruppentier. Wir genießen die Stärke und das Gemeinschaftsgefühl einer Gruppe seit je her.  Wir identifizieren uns mit der Tätigkeit, mit unseren Teamkollegen und dem Verein oder der Organisation.

Würdest du?

Irgendwann kommt dann die Frage, ob man mal kurz dies oder das übernehmen könnte oder ob man sich vorstellen kann, das oder jenes längerfristig zu organisieren. Wie wäre es mit einer Tätigkeit als ÜbungsleiterIn? Oft wird die mehrwöchige hochwertige Ausbildung des blsv zum Übungsleiter vom Verein übernommen. Und die freie Zeiteinteilung ist ein großer Pluspunkt bei einer freiwilligen Tätigkeit wie einem Ehrenamt, jeder gibt an Ressourcen und Zeit das, was er geben kann und will. Keiner kann einen zwingen, niemand fungiert als Chef oder Chefin, die Strukturen und Hierarchien, die in der Arbeitswelt oft vorherrschen existieren einfach nicht. Auch wirtschaftliche Einbußen sind nicht zu befürchten, wenn man kürzer treten kann oder muss.

Frau im Top, dunkle Haare, Vereinsshirt mit Namensaufdruck Jessy

 

Earned not given!

Für ein wichtigeres Amt, zum Beispiel das eines Pressewarts, wird man gefragt und gebeten. Das ist das Entscheidende: man bewirbt sich nicht auf so ein Amt, man wird berufen. Auch wenn mir bewusst ist, dass Vorstände und Vereine oft froh sind, wenn überhaupt jemand das Amt besetzt, war es dennoch eine  aufmerksame Geste, genau mich zu fragen. Diese Arbeit im meine Hände und Verantwortung zu legen. Ein Ehren-Amt.

Es zählen genau die Fähigkeiten, die man bereits in der Mitarbeit gezeigt hat, heben einen hervor und qualifizieren einen für dieses Amt. In der Arbeitswelt wird ja oft von Papier weg hin entschieden, wo wer was macht. Ob dies passt, zeigt sich meist erst hinterher. Die Wertschätzung ist quasi der Vertrauensvorschuss.

Du bist was du tust

Im Vereinen gibt es jedoch keinen Rang, keine Titel, ja sogar nicht mal wirklich Nachnamen! Nur Sportkolleginnen und –kollegen. Du wirst nach mit deinen menschlichen Eigenschaften gesehen und bewertet. Und wertgeschätzt. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was die meisten meiner Vereinskameraden in ihrem „real Life“ so machen. Sicher, man redet mal. Und sicher, es sind bestimmt viele dabei, bei denen ich bestimmt völlig überrascht wäre, mit was sie ihr Geld verdienen. Oft herrscht im Vereinsleben das Vorurteil, manche Leute besetzen Ämter aus Gier an Macht und Anerkennung. Klar, mag sein, jeder ist anders und wir sind alle nur Menschen. Aber im Großen und Ganzen kann ich das nicht feststellen. Die meisten machen ihr Ding, erledigen ihre Aufgaben mit Herzblut und eben so, wie sie sind.

Wertschätzung ist King

Die intrinsische Motivation (hier eine Beschreibung, falls der Begriff nicht geläufig ist) ist wohl die kräftigste Art von Antrieb, die der Mensch verspüren kann. Verfolge ich eine für mich sinnvolle und gute Tätigkeit, erledige ich diese mit Liebe und Hingabe und grabe mich vielleicht auch mal tiefer in die Materie.

Das kleine Rädchen, das alles am Laufen hält, Teil des Großen Ganzen, mit Hang zum altruistischen. Den jeder Mensch will grundsätzlich Teil von etwas sein und ist im inneren seines Wesens auf das Gute geeicht.

Und jetzt?

Wie schlagen wir jetzt die Brücke zum Arbeitsleben? Ich denke, das ist jetzt nicht mehr allzu schwer nach dieser ausführlichen Exkursion in das Ehrenamt. Ich begehe einfach den gewagten Versuch, Eigenschaften des Bewerbers in seinem Privatleben auf das Arbeitsleben zu übertragen. Gerätewart bei der Feuerwehr? Dann gehe ich davon aus, dass der oder diejenige seine Ausrüstung und Arbeitsmittel auch in im Job oder Ausbildung in Ordnung hält.

Übungsleiter im örtlichen Sportverein? Die Tätigkeit ist ihm wichtig, er oder sie ist regelmäßig für andere da, damit diese Sport machen können. Ich gehe davon aus, dass hier Teamplayer-Eigenschaften vorhanden sind.

Obere Hälfte eines Lebenslauf, Fokus auf Foto und Name, Rest verschwommen 

Hobbys: mehr als der Abspann im Lebenslauf

Ich denke, das Prinzip ist klar, es könnten noch hunderte Parallelen aufgezählt werden. Schaut nach den Hobbys! Sie sind oft nicht bloß Zeitvertreib oder Verlegenheitsmerkmal. Feuerwehr, Pferdereitbeteiligung oder Fußball lebt man! Es sind nicht nur Hobbys der Bewerber, es SIND die Bewerber! Und um sie oder ihn kennenzulernen, konzentriert man sich auch darauf!

Leider fristen die Hobbys meiner Ansicht nach ein tristes Dasein ganz am Ende des Lebenslauf, als Abspann quasi, der zwar den Hauptteil ausleitet, aber nicht wirklich angeschaut wird. Jetzt habe ich aber hoffentlich dem ein oder anderen die Augen für diese unscheinbare „Kleinigkeit“ geöffnet.

Da ist aber nichts!

Und ohne Hobby? Ohne Ehrenamt? Naja, wir wollen ja nicht übertreiben, das ist auch kein K.O.-Kriterium. Schließlich ist jeder Mensch anders. Vor allem bei jungen Menschen, die eine Ausbildung suchen ist ja noch viel Potenzial da. Viele schrauben sogar ihre privaten Interessen für die Ausbildung zurück, das es ihnen die Zeit schlichtweg nicht mehr erlaubt, eine Trainingsstunde um 16 Uhr zu halten. Der Job ist ihm oder ihr offensichtlich wichtig. Es lohnt sich aber immer, darüber zu reden und die Intensionen der Bewerber kennenzulernen.

Wir sind alles!

Bei allem hin und her über Arbeitszeiten und 4-Tage-Wochen wird selten erwähnt, dass die meisten Menschen mit kürzen Arbeitszeiten deswegen nicht weniger arbeiten. Sie teilen ihre Zeit oft nur anders ein, verteilen ihre Ressourcen auf mehrere Quellen. Ihre Hobbys, ihre Familien und Verwandten, ihre Ehrenämter. Das wird der Trend, das spüre ich deutlich. Ich muss ja nur in mich selber reinhören: eine 40- oder 50-Stunden-Woche als Vollzeitpersonalerin ist für mich undenkbar! Ich bin nämlich auch Mama, Vereinsmitglied, (Ehe/Haus)-Frau, Insta-addicted, Seniorenbegleitung und so weiter. Wie jeder von uns hat auch mein Leben viele Fassetten und alle haben ihre Berechtigung als Teil unserer Persönlichkeiten. Das macht es spannend und lehrreich. Und ich kenne schon viele, die „noch was nebenbei“ machen. Sinn erfüllt uns und wir tun gut daran, die Quelle unserer Fähigkeiten nicht nur einem Empfänger zur Verfügung zu stellen. So fungiert jeder einzelne als Katalysator für die Menschlichkeit.

Frau mit dunkler Brille und dunklen Haaren, grinst, zeigt Viktory-Zeichen

Was meinst du zu dem Thema? Wurdest du im Vorstellungsgespräch schon mal zu deinen Hobbys befragt? Hast du ein Ehrenamt inne? Erzählt mir davon in den Kommentaren!

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