Familienstand: ist mir doch egal!
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Familienstand: ist mir doch egal!

What about…

Familienstand.
Letzte Woche haben wir eine Bewerbung auf eine unsere Gesuche bekommen, die mich mehr als andere zum Nachdenken gebracht hat. Zugegeben, ich bin ziemlich leicht zum Nachdenken zu bringen, das liegt nunmal in meiner Natur.
Aber hier bin ich über etwas gestolpert, was mich die Dinge in Zukunft etwas anders sehen lässt.
Eigentlich war es eine vollkommen gelungene Bewerbung, ganz normal, nicht auffälliger als andere, sogar gut genug, dass ich sie weitergeben konnte. Ein Merkmal im Lebenslauf stach mir aber wie Essigdampf ins Auge. Beim Familienstand war angegeben: in eheähnlicher Gemeinschaft.

Störgefühl

Irgendwas störte mich. Ich las es. Las es wieder. Dann nochmal. Bis ich das Gefühl endlich ausfindig machen konnte. Ich war sowas wie peinlich berührt. Ja, ich hatte das Gefühl, in die Privatsphäre dieser Person vorgedrungen zu sein. Mehr, als es mir zustand. Diese Aussage kam mir einfach viel zu privat vor. Und warum wählt der Bewerber diese Bezeichnung aus? Um jemanden, den er gar nicht kennt, aber seine Bewerbung und damit ihn beurteilt, zu beweisen, das er in „geregelten Verhältnissen“ lebt? Das ist zu viel Info und ich fühle mich ertappt.

Nur in meinem Kopf

Noch ergriffen von der Erkenntnis, dass ich hier wohl über ein Relikt aus der Vergangenheit gestoßen bin, lehne ich mich zurück. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: es geht nicht darum, in welchem Familienstand der Bewerber lebt! Es geht darum, dass er sich genötigt fühlt mir dies aus irgendeinem Grund mitzuteilen.

Also atme ich durch

Warum gleich nochmal müssen wir bei der Bewerbung den Familienstand wissen? Achja, wegen der Steuerklasse später. Ach nein, halt, das ist ja erst, wenn es zur Einstellung kommt wichtig. Warum noch? Um uns ein Bild von der Person zu machen? Wie alt, woher, welche Berufserfahrung liegt vor. Gut. Aber wozu der Familienstand?

Rückschlüsse

Würde ich denn in eine Aussage über den selbigen nicht sowieso meine eigenen Schlüsse ziehen und Bilder malen, die nur in meinem Kopf existieren?  Selbst wenn es für den Bewerber hilfreiche Bilder wären, wären es immer noch meine. Keiner kommt da aus, wir sind nunmal visuelle Wesen. „Aha, ledig. Wie alt?…Ou… aha.“. „Was, geschieden, oje, der braucht bestimmt mehr Geld…“ und so weiter. Das sind jetzt nur Beispiele und müssen nicht mit wahren Gegebenheiten übereinstimmen.

Alte Muster

Fakt ist: jeder bewertet. Das ist im Human Resource auch unser Job. Aber ich will das bewerten, was es zu bewerten gilt, nämlich, ob der Bewerber oder die Bewerberin genug qualifiziert ist und persönlich ins Team passt. Gedanken über deren Familienstand, Geschwister oder Berufe der Eltern lenken mich da nur ab.

Wieder normal

Ich atme also wieder normal, komme aus meiner Trance. Ich konfrontiere kurzerhand meine Kollegin mit meinen Gedanken. Ihr passender Kommentar, dass sie darüber noch nie nachgedacht hätte, rannte bei mir offene Türen ein. Ich nämlich auch nicht. Und scheinbar die Bewerberinnen und Bewerber seit den letzten Jahren auch nicht.

Neue Ansätze

Wenn wir über Bewerbungsfoto ja/nein oder geschlechtsneutrale Bewerbungen diskutieren, dann bitte auch über diese persönlichen Angaben. Ich bin kein Fan von neutralen Bewerbungen, ganz und gar nicht. Schließlich suchen bei uns Menschen Menschen aus, wir haben keine Bots oder dergleichen, die nach Kriterien vorsortieren. Aber Angaben zum Familienstands sind doch wirklich jedem seine persönliche Sache und sollte keine Rolle bei der Auswahl spielen.

Auf neutralem Boden

Was fange ich nun an mit meiner neu gewonnen Erkenntnis? Ehrlich gesagt, ich weiß es noch nicht.  Auf jeden Fall werde ich mit anderen Personalern darüber in den Austausch treten. Vielleicht habe ich ja was übersehen. Im besten Fall ergibt sich die Gelegenheit, dass auch andere Entscheider darüber nachdenken und unsere Arbeit mit Bewerbern eine neue Qualität bekommt. (Meine Mission)

Mein Wunsch, meine Mission

Ja, mehr Qualität und Menschlichkeit, ich denke, das würde ich mir wünschen. Wir müssen unsere täglich Arbeit immer wieder neu überdenken und unser Handeln an neue Gegebenheiten anpassen. Jeder Mensch ist anders und wir kommen nicht drumrum, mit allen technischen Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, jeden einzeln kennenzulernen. Das würden wir uns für uns selber genauso wünschen. Ohne voreingenommene Gedanken oder Bilder in unseren Köpfen.

Kennt jemand noch mehr solche Relikte, die mehr in die Vergangenheit gehören, als in die Zukunft? Schreibe mir dazu deine Kommentar!

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